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Gruppe 60 Jahre dlz

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All- und Nichtalltägliches

was so alles bei der dlz passiert (11 Einträge)

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05.08.2009, 12.46 Uhr

Medienaufreger und Medienlob

Als Chefredakteur eines Fachmagazins gehört es einfach dazu zu verfolgen, wie die Kolleginnen und Kollegen aus den Publikumsmedien, also Tageszeitungen oder Funk und Fernsehen, über Landwirtschaft berichten. Weil mir gestern in dem Zusammenhang zwei bemerkenswerte Beispiele begegnet sind, möchte ich heute mal darauf Bezug nehmen: einmal ein eher missliches Beispiel, ein anderes, von dem ich ohne Umschweife sagen muss - gut gemacht, Kollege.

Zunächst zu dem, das mir Bauchschmerzen bereitet. Gestern abend habe ich mal eine kurze Zeit gemeinsam mit meinen beiden Jungs ferngesehen. Weil Ferien sind, dürfen sie auch mal etwas später am Tag fernsehen. Da gibt es auf KiKa, dem Kinderkanal von ARD und ZDF, eine durchaus schätzenswerte Nachrichtensendung, speziell für Kinder. Logo, das muss man der Redaktion durchaus zugute halten, schafft es, wirklich komplexe und für Kinder zunächst nicht so leicht zu durchdringende Sachverhalte anschaulich darzustellen. Finde ich gut, so den Kindern die Welt und die Hintergründe der aktuellen Nachrichtenlage zu erklären. Denn, sind wir mal ehrlich, die meisten Kinder bekommen das Tagesgeschehen mit all seinen schrecklichen und schrägen Ereignissen sowieso irgendwie mit. Und wenn sie keine Erklärung bekommen, was da geschieht, machen sie sich halt ihre eigenen Gedanken. Wenn es die Eltern nicht tun, dann ist es schon gut, über ein solches kindgerechtes Nachrichtenformat Erklärungen zu liefern.

Das war aber jetzt genug Lob, denn jetzt kommt die Schelte. Gestern abend hat die Redaktion sich mit dem Thema virtuelles Wasser / Wasserfußabdruck beschäftigt. Für all diejenigen, die sich darunter nichts vorstellen können, das ist grob gesagt eine Komplettbilanz für den Wasserverbrauch in Zusammenhang mit der Herstellung eines Produktes. Diese Konzepte werden zum Beispiel von einer Vereinigung Deutscher Gewässerschutz oder dem WWF (Word Wildlife Found) verfolgt. Logo hat das Thema - wie ich finde - sehr lebensnah aufgegriffen. Da rückt in Herrgottsfrüh das Aufnahmeteam beim Moderator an, um in dessen Heim aufzuzeigen, welcher Wasserverbrauch an welchen täglichen Produkten hängt. Beispiele waren z.B. das Baumwoll-T-Shirt des Moderators, die Tasse Kaffee, die er zum Frühstück trinkt und das Brot, das er dazu ist.

Ich hab es jetzt nicht mehr im Kopf, wie hoch der Wasserverbrauch beim Brot angegeben wurde. Richtig geärgert habe ich mich auch nicht darüber, sondern über die Erklärung, warum der so hoch sei - daran schuld sei nämlich, dass die Landwirtschaft (und hier wurde gar nicht mal angefangen zu differenzieren, so dass die kleinen Zuseher mitnehmen mussten: da geht´s um die Landwirtschaft bei uns) die Felder künstlich bewässern würde. Nun frage ich mich doch: hat die Redaktion hier nicht nachrecherchiert und ungeprüft eine Zahl, die vielleicht im weltweiten Schnitt Gültigkeit haben mag, übernommen, oder was war da los? Jeder, der sich nur einigermaßen mit Landwirtschaft in Mitteleuropa auskennt, weiß, dass künstliche Bewässerung von Getreide hier absolut fehl am Platz ist - entweder weil es genügend natürliche Niederschläge gibt, oder da wo sie nicht ausreichen die Wirtschaftlichkeit künstlicher Bewässerung bei dem Erzeugerpreisniveau schlicht betriebswirtschaftlicher Nonsens ist.

Richtig böse hätte ich werden können, als dann noch der hohe Verbrauch zusätzlich mit Gewässerbelastung durch Pflanzenschutzmittel begründet wurde. Habe ich da was verpasst? Meines Wissens ist der Aspekt Gewässerbelastung - egal ob nun Oberflächengewässer oder Grundwasser - seit langem ein entscheidendes Kriterium für die Zulassung oder Nicht-Zulassung von Pflanzenschutzmitteln. Bei Logo habe ich mir da nur gedacht, da werden schon wieder Klischees aus dem vergangenen Jahrhundert bemüht, ohne dass man sich mal die Mühe macht, tatsächlich den Wahrheitsgehalt auszurecherchieren. Was ich in meiner Ausbildung zum Journalisten gelernt habe, nämlich Angaben einer Quelle durch eine weitere bestätigen zu lassen, scheint der Logo-Redaktion hier wohl nicht so wichtig gewesen zu sein.

Wohltuend abgehoben von dieser Berichterstattung über Landwirtschaft hat sich dagegen der Reportage-Beitrag in der Reihe 37 Grad im ZDF. Unter dem Titel "Mit 200 Kühen sind sie dabei - Eine Bauernfamilie kämpft um ihren Hof" hat ein Kamerateam ein Bauernfamilie mehrere Wochen in ihrem Alltag begleitet. Ursprünglich war wohl die Absicht das Zusammenleben einer Großfamilie zu dokumentieren, daraus geworden ist am Ende eine hervorragende Darstellung, mit welchen Problemen Milchbauern zurzeit zu kämpfen haben. Gerade weil der Autor die Menschen hat sprechen lassen, ist wirklich deutlich herübergekommen, wie landwirtschaftliches Wirtschaften, aber auch Zusammenleben heute aussieht. Kurz: Hut ab vor dem Kollegen Michael Schatz, eine starke Leistung!

Manchmal überlege ich mir, ob man nicht eine Journalisteninitiative "Landwirtschaft real" gründet, bei der Fachjournalisten wie Publikumsjournalisten mimachen. Die Journalistenverbände reden alle von Qualität. Aber wenn es um konkrete fachliche Dinge geht, wird sie - die Qualität - leider oft, gottseidank nicht immer und überall, auf den Altären anderer Zwänge (Zuschauerquote, Auflage oder was auch immer) geopfert. Ich denk mal darüber nach. Vielleicht kann man wirklich ein paar Kolleginnen und Kollegen dazu gewinnen - denn es gibt sie wirklich, die Journalisten, die ein echtes Interesse daran haben, Landwirtschaft realitätsgerecht darzustellen. Natürlich muss man sich aber auch bewusst sein, dass die nicht alles gut finden können und werden, wie Landwirtschaft sich heute darstellt. Aber der Kritik muss man sich auch stellen.

Dass die Landwirte und Landwirtinnen durchaus bereit sind, sich Kritik offen zu stellen, zeigen uns im Übrigen auch jeden Monat die Reaktionen auf die Rubrik "Von außen betrachtet" im dlz agrarmagazin. Dort kommentieren regelmäßig Kolleginnen und Kollegen aus der Tagespresse aktuelle Themen mit landwirtschaftlichem Bezug, zum Beispiel von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Neuen Westfälischen oder auch Der Welt. Den Kommentatoren geht es dabei gar nicht darum, Landwirtschaft in Frage zu stellen, sondern aus ihrem Blickwinkel Anregungen zu geben, wie Landwirtschaft und Gesellschaft besser zusammenkommen.


Nachtrag zu Logo:
Ich hab mich heute morgen gleich mit einer Mail an die Redaktion von Logo gewendet. Mal sehen, wie die darauf reagieren. Zudem habe ich mich - passt so richtig in das Bild, dass ich schon unterstelle, hier wurde die Landwirtschaft als schwacher Gegner vorgeführt - auch gefragt: warum hat Logo denn nicht außerdem noch andere Beispiele für den Wasserverbrauch hergenommen, etwa den Heim-Computer, der immerhin 20.000 Liter Wasser braucht? Das hätte man auch schön darstellen können: Moderator setzt sich morgens an den PC und ruft seine Mails ab, auch die von seinem Sender. Allerdings glaube ich zu wissen, warum man das nicht gemacht hat: der PC ist halt bei den Zusehern durchaus sehr präsent und geschätzt. Denen will man sicher den Spass daran nicht verderben und ein schlechtes Gewissen machen. Aber das Auto wäre ein schönes Beispiel gewesen, zumal das für die Kinder kein Gegenstand ist, den sie selbst benutzen (außer als Mitfahrer). Da hätte es schöne Schnittbilder gegeben, wie z.B. der Moderator in das Sendestudio fährt, um seinen Beitrag sendefertig zu machen. Und auch die Zahl wäre überraschend gewesen: so ist die Bilanz bei der Herstellung eines Autos - zumindest laut www.virtuelles-wasser.de - immerhin mit 400.000 l Wasser belastet.
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Detlef

Detlef

Alter: 52 Jahre,
aus München
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Kommentare

07.08.2009 13:30 RicharddeFlorennes
Super geschrieben und zusammengestellt; finde ich als Nicht-Agrarer.
Eine Frage hätte ich aber noch:
Zitat: "den Heim-Computer, der immerhin 20.000 Liter Wasser braucht?"
-> Woher stammt diese Zahl? Immerhin kritisieren Sie ja den fehlenden Quellnachweis in der Berichterstattung Ihrer Kollegen
07.08.2009 13:34 Detlef
leicht zu klären: auch die Zahl zum Heim-PC stammt von www.virtuelles-wasser.de; sie haben völlig recht, das hätte ich im Nachtrag schon ganz am Anfang als Quelle erwähnen müssen und nicht erst am Schluß im Zusammenhang mit dem Auto.
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