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Agrarsanis Landwirtschafts-Blo...

Spannende Themen aus der Landwirtschaft (88 Einträge)

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1791 mal angesehen
28.09.2009, 19.12 Uhr

"Schwere Jungs" auf schmaler Spur

Text und Bilder von Sascha Jussen

Einer der wichtigsten Trends in Sachen Landtechnik ist schon seit Jahrzehnten: immer größer, immer stärker, immer schwerer. Das gilt besonders für die Traktoren: War Mitte der 1980er Jahre ein International 1445XL mit seinen 145 PS ein Großtraktor, sind Traktoren mit 200 und mehr Pferdestärken heute eine normaler Anblick auf vielen Äckern in West- und Mitteleuropa. Mit den Traktoren wuchsen auch die Reifen - zum einen, um das "Mehr" an Kraft in Form von Traktion auch umsetzen zu können, zum anderen, um durch mehr Aufstandsfläche den Bodendruck trotz steigender Betriebsgewichte in Grenzen zu halten. War die Normalbereifung bei einem Ford 5000 der 70er Jahre kaum mehr als 35 cm breit, gibt es heute fast doppelt so breite "Schluppen" als Standard- und noch breitere Niederdruckbereifung als Sonderausstattung. Doch es gab auch eine gegensätzliche Entwicklung: Konnte z. B. ein Ford 5000 mit normaler Bereifung zum maschinellen Hacken zwischen den Reihen im Rübenbestand fahren, wurde es mit zunehmender Reifengröße immer schwerer, ohne Beschädigungen des Bestandes zwischen den Pflanzen im Reihenanbau zu fahren. Eine besondere Bereifung musste her: die Pflegebereifung. Über die Einsatzmöglichkeiten und das teils bizarre Erscheinungsbild von Traktoren mit dieser Ausstattung handelt dieser Blog-Eintrag.

1. Aussaat: Möhren und Rüben
In jedem Frühjahr war bis 2009 im Kreis Neuss ein Lohnunternehmer im Einsatz, der zwei pflegebereifte John Deere Traktoren zum Anlegen von Möhrendämmen und zum Säen auf diesen Dämmen in zwei Arbeitsgängen einsetzt. Ab 2010 wird dieses System durch ein einphasiges System ersetzt, das mit Normalbereifung gefahren werden kann.
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Auch bei der Rübensaat kommt häufig Pflegebereifung zum Einsatz. Die Idee dabei ist, dass die Zuckerrüben im vollkommen unbefahrenem Boden und somit optimal strukturiertem Boden gesät werden. Um den Bodendruck insgesamt in Grenzen zu halten, sieht man dabei besonders in Belgien häufig den Einsatz von Zwillingspflegebereifung. Der Abstand der Zwillinge entspricht genau dem Reihenabstand der Rüben (45 oder 50 cm).
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2. Pflanzen und Pflegen: Kartoffeln
Ähnlich wie bei der Rübensaat soll der Einsatz von Pflegebereifung beim Kartoffellegen dazu dienen, den Knollen eine Entwicklung in einem unbefahrenen Saatbett zu ermöglichen. Werden die Kartoffeldämme in einem gesonderten Arbeitsgang nach dem Legen angelegt, ist der Einsatz von Pflegebereifung ein "Muss", um eine Bodenverdichtung der Kartoffelreihen zu vermeiden. Dafür nimmt man dabei eine umso höhere Verdichtung des Bodens zwischen den Reihen in Kauf. Da sowohl das Legen als auch das Dämmen der Kartoffeln in der Regel unter trockenen Bodenbedingung stattfindet, ist die Verdichtungsproblematik hier aber nicht so gravierend.
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3. Hacken und Spritzen: Sonderkulturen
Im konventionellen Landbau wurde das Hacken von "Hackfrüchten" weitgehend von der Feldspritze abgelöst. In Sonderkulturen wie Bohnen oder im Öko-Landbau erfreut sich die maschinelle Reihenhacke hingegen größerer Beliebtheit. Auch bei der Behandlung von Pflanzen mit Pestiziden kommt Pflegebereifung dort zum Einsatz, wo Saat- und Ernteverfahren die Anlage von Fahrgassen nicht ermöglichen oder sich dies aufgrund der Flächengröße nicht lohnt. Auch selbstfahrende Feldspritzen sind häufig mit schmaler Bereifung anzutreffen.
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4. Ernten: Kartoffeln
"Neuere" Verfahren wie die seitliche Aufnahme des Erntegutes oder Einsatz von vierreihigen Selbstfahrern machen Traktoren mit Pflegebereifung zunehmend überflüssig. Beim "Anroden" von Beständen ist aber auch bei seitlicher Aufnahme der Einsatz von Pflegebereifung von Vorteil. Standard ist sie weiterhin bei Ernteverfahren, bei denen in einem oder zwei Arbeitsgängen zunächst das Kartoffelkraut zerschlagen und dann die Knollen mit einem Überladeroder geerntet werden.
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5. Ernten: Zwiebeln
Von Saat bis Ernte sind Zwiebeln ein "Klassiker" für Pflegebereifungseinsätze. Häufig werden Zwiebeln in 6-reihigen Beeten angebaut. Die Abstände zwischen den Beeten von ca. 50 cm sind genau auf Befahrung mit Pflegebereifung ausgelegt - zuletzt bei der Ernte, die standardmäßig mit frontmontiertem Krautschläger und heckmontiertem Schwadroder erfolgt.
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6. Ernten: Möhren
Bestimmte Ernteverfahren erfordern das Häckseln des Möhrenkrauts vor der Ernte. Auch beim Anroden erweist sich schmalere Bereifung als so vorteilhaft, dass sogar Selbstfahrer zum Teil entsprechend ausgestattet sind.
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7. Ernten: Rüben

In Deutschland haben selbstfahrende Rübenroder andere Systeme, wie gezogene Köpfrodebunker oder das 2-phasige System mit Roder und Sammelbunker fast vollständig ersetzt. Kleinere Betriebe setzen noch auf Köpfrodebunker und statten ihre Traktoren zumindest zum Anroden der Bestände bisweilen mit Pflegebereifung aus. Ganz anders stellt sich die Lage z. B. in Belgien dar: Hier behaupten zweiphasige Erntesysteme weiterhin den ersten Platz unter den Rübenerntemaschinen. Die inzwischen großen Traktoren auf den schweren Böden der Lütticher Börde und das in der Regel feuchte Klima erfordern dabei die Verwendung von Zwillings-pflegebereifung.
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Ausblick
Neuere Saat-, Pflege- und Erntekonzepte zielen neben der Kopplung mehrerer Arbeitsgänge drauf ab, den Einsatz von Pflegebereifung abzuschaffen. Als Argumente dafür werden die Ersparnis einer zusätzlichen Reifenausstattung sowie die Verringerung des Bodendrucks angeführt. So macht beim Legen von Kartoffeln das sofortige Anlegen von Dämmen mit einer Gerätekombination einen separaten Einsatz eines Häufelgeräts mit pflegebereiftem Traktor unnötig. Zunehmende Flächengrößen von Parzellen ermöglichen immer größere Feldspritzen, die das Feld in eigens angelegten "Fahrgassen" ohne nennenswerten Ertragsverlust befahren. Bei den Ernteverfahren sind immer größere selbstfahrende Systeme, die im "Schongang" (versetzte Spuren) oder mit Raupenfahrwerken laufen, weiter auf dem Vormarsch. Nach meiner Einschätzung wird der Anblick von Pflegebereifung auf deutschen Äckern in den nächsten zwei Jahrzehnten zur absoluten Seltenheit werden und allenfalls in Sonderkulturen (z. B. Zwiebeln, Möhren, Gemüse) weiter zum Einsatz kommen. Mit meinen Fotos und meinem besonderen Interesse für alles, was auf Pflegebereifung fährt, versuche ich in Erinnerung zu bewahren, was wahrscheinlich bald (leider!?) Vergangenheit sein wird.

Text: Sascha Jussen (Mitglied auf landlive) in Zusammenarbeit mit Jörn Gläser

Zum Blog-Beitrag ist ein interessantes Fotoalbum mit Bildern zu den genannten Maschinen angelegt.

Bilder: Sascha Jussen

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Agrarsani

Agrarsani

Alter: 32 Jahre,
aus Wedemark

Kommentare

28.09.2009 21:12 pflugfurche1
Ich muss dich echt loben, der schönste Blogeintrag bisher, 5*!

Zum Kartoffelanbau von mir als Kartoffelanbauer noch etwas: Das Im Kartoffelanbau de Pflegereifen langfristig verschwinden werden ist eher weniger zu erwarten, vorallem wenn es um kleinere Strukturen geht. Bei kleinen Spritzgestängebreiten(meinetwegen bis 12 Meter) kosten diese 2 Dämme Pro Spur Fahrgasse ungemein viel Anbaufläche. Dann ist es auch nicht zwingend immer sinnvoll eine Legemaschine in der Hitch der Kreiselegge zu fahren, von der Schleppergröße und Bodenschonung her. Angehängte Lösungen bzw Lösungen wo eine Vollfeldfräse/SPatenmaschine beim Schlepper in der Hydraulik gefahren wird, und dann eine Legemaschine angehängt wird kosten ungemein viel Geld und sind eher was für richtig große Kartoffelanbauer. Für den kleineren bis mittelgroßen Kartoffelanbauer ist oft also eine Kreiselegge in der FH und Legemaschine in der Heckhydraulik oft die sinnvollste Lösung.(Hier bie uns =>http://www.landlive.de/images/164971/). Bei der Ernte hast du sicher recht, im Segment der BUnkermaschinen ist die MIttenaufname verdrängt, jeder der heute noch ernsthaft Kartoffeln anbaut hat ne Seitenaufname. Trotzdem gibt es noch die Überladermaschinen(sowas wie grimme GT170), diese wird es auch noch in Zukunft geben, und da werden IMMER Pflegereifen benötigt, auch beim normalen Roden.

mfg
29.09.2009 08:33 RicharddeFlorennes
Danke für das Lob, den Kommentar und die Zusatzinformationen. Sollte meine Prognose, dass Pflegebereifung immer seltener werden wird, zu negativ sein, würde ich mich umso mehr freuen. Für mich gehören die dünnen Reifen einfach zur Vielfalt auf den Feldern und aus fotografischer Sicht gibt es für mich fast nichts Schöneres als "schwere Jungs" auf schmaler Spur.
Gruß RdF
30.09.2009 14:12 Eckard94
Top Beitrag .. echt schon lang nichts mehr so interresanten gelesen !! Echt großes Lob
Hoffe es werden noch mehr solcher Beuträge kommen

Lg; Felix
03.10.2009 02:23 pflugfurche1
RicharddeFlorennes schrieb:
Danke für das Lob, den Kommentar und die Zusatzinformationen. Sollte meine Prognose, dass Pflegebereifung immer seltener werden wird, zu negativ sein, würde ich mich umso mehr freuen. Für mich gehören die dünnen Reifen einfach zur Vielfalt auf den Feldern und aus fotografischer Sicht gibt es für mich fast nichts Schöneres als "schwere Jungs" auf schmaler Spur.
Gruß RdF


Pauschalisieren will ich diese Aussagen nicht. Jedoch besteht sicher auch in Zukunft in kleineren Strukturen die Notwendigkeit(möglicherweise sehr positive Entwicklungen in der Landwirtschaft) von Pflegebereifung. IN größeren Betrieben wird jedoch immernoch die Pflegereifung zum Fahren der Kartoffelfräse benötigt, welche DAS führende Verfahren beim Häufeln von Kartoffeln darstellt. All-in-One Lösungen sind ackerbaulich gewaltig suboptimal.
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