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Die Billig Lüge - Franz Kotte...

Rezension des gleichnamigen Buches (7 Einträge)

Billiglüge
285 mal angesehen
27.06.2010, 00.59 Uhr

Buchabhandlung – Die Billiglüge- von Franz Kotteder.

Die Tricks und Machenschaften der Discounter

Seit vielen Jahren sprießen Discounter allenortens wie (faulige) Pilze aus dem Boden und haben dabei schon sehr viele etablierte Einzelhandelsgeschäfte verdrängt. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Lebensmittelgiganten wie Aldi, Lidl und Co sondern auch um Kleidung (kik), Drogeriewaren (Schlecker) oder Elektronik (MediaMarkt). Die Besitzer der Discounterketten zählen mittlerweile zu den reichsten Männern Deutschlands. Dass dieser betriebswirtschaftliche Erfolg nur zum Teil auf das zurückzuführen ist, was Aldi an seinen Kassen auf Plakaten so gerne als „Das Aldi-Prinzip” propagiert, also auf niedrige Preise durch große Abnahmemengen und überschaubares Sortiment, und auch nicht bloß auf die spartanische Ausstattung der einzelnen Läden, leuchtet inzwischen so manchem ein, wenn er die vielen negativen Meldungen über z.B. Lidl mit ihren Überwachungsskandalen in den Medien verfolgt.
Franz Kotteder, vormals Wirtschaftsredakteur jetzt Kulturredakteur bei der Süddeutschen Zeitung, hat sich aufgemacht, um in seinem Buch „Die Billig-Lüge” (Verlag Knaur 2005 ISBN 978-3-426-77925-5) hinter die Kulissen der Discountmilliardäre zu schauen und die „Tricks und Machenschaften” dieser Konzerne zu durchleuchten. Auf dem Klappentext fragt er:

Aber ist denn nicht alles wunderbar in Ordnung, solange der Preis stimmt? Aldi, Lidl, Penny, Schlecker, Metro, Wal-Mart, Media Markt und Co. beschwichtigen unser unbehagliches Gefühl, dass es so wenig nicht kosten kann und dass irgendjemand dafür bezahlen muss. Könnte dieser Jemand vielleicht wir selbst sein?

Auf insgesamt 270 Seiten zeigt Kotteder sich als sehr engagierter Beobachter, dem die Thematik ganz am Herzen liegt und der mit seinem Buch Überzeugungs- oder zumindest Aufklärungsarbeit leisten will. Er beginnt seine Reise ins Reich des Discounts damit, die derzeitig Entwicklung auf dem deutschen Markt zu schildern, und zeigt schnell auf, welche Dimensionen die Billigwelle erreicht hat und welche Folgen sie zeitigt: Aussterbende Innenstädte, immer weniger Auswahl durch immer größere Marktmacht, aber auch sinkende Arbeits- und Sozialbedingungen im Einzelhandel. Ausführlich wird die Entstehungs- und Erfolgsgeschichte von Deutschlands ältestem Discounter – Aldi – und seiner Besitzer, den Albrecht-Brüdern (reichsten Männern Deutschlands!) nachgezeichnet, von den kleinen Anfängen als kleiner Einzelhandelsmarkt bis zu den heutigen Ausmaßen. Das Aufholen von neuen Konkurrenten wie dem besonders rücksichtslos vorgehenden Lidl (Schwarz)-Konzern wird ebenfalls ausführlich geschildert.
Auch auf die Folgen des Billigdrucks auf die Zulieferbetriebe in Deutschland, von dem die deutsche Landwirtschaft und die Lebensmittelverarbeiter nicht ausgenommen sind, und die Hersteller vor allem in den ärmeren Ländern geht Franz Kotteder explizit ein. Wer die Kapitel darüber gelesen hat, unter welchen Bedingungen Kakao oder Orangen geerntet werden, damit sie hierzulande möglichst billig im Einkaufswagen landen, oder welch verheerende Auswirkungen das Züchten und Fischen von Garnelen für den europäischen Markt auf die Natur in den asiatischen Lieferländern hat, sieht die Angebote in unseren Regalen wohl mit anderen Augen. Nach den Ausführungen über die Zustände bei der Produktion von Fleisch und Eiern kauft wohl nur noch der Hartgesottenste diese Dinge aus industrieller Produktion…
Die wohl erschreckendsten Kapitel sind „Ausnehmer und Arbeitnehmer – wie die Discounter mit ihrem Personal umspringen”/„Mobbing als Führungsaufgabe”, die ganz klar machen, wo Aldi & Co. das Haupteinsparpotential ihres Geschäftsmodells sehen, nämlich beim „Mitarbeiter”. Und der Abschnitt, in dem der Autor die Konzernstruktur von Aldi, aber auch Lidl, genauer unter die Lupe nimmt – diese Konzerne sind nämlich in ein undurchschaubares Dickicht aus Stiftungen aufgesplittet, alles mit dem Ziel, so wenig von dem Gewinn wie nur möglich steuerlich abführen zu müssen, was im umkehrschluss bedeutet, dass unsere freundlichen Discountmilliardäre ihr Vermögen mit sozialschädlichem Verhalten, also auf dem Rücken der Allgemeinheit, machen.
Leider weist „Die Billig-Lüge” auch eine Anzahl merklicher Schwächen auf, die mich beim Lesen gestört haben. Ja, zuweilen beginnt Kotteder, wirklich interessante Fragen zu stellen (die sicherlich auch im Rahmen einer Diskussion aufkämen, die man selbst mit Freunden dazu führen würde), nur um dann quasi mitten im Gedankengang innezuhalten und den Leser wieder mit einem Zahlenwust von der eigentlichen Fährte abzubringen
Etwas schwach ist das Abschlusskapitel „Wege aus der Geizfalle”, in dem er sich auf recht wenigen Seiten darüber auslässt, was denn nun eigentlich zu tun ist. Zudem widerspricht er sich selbst, indem er damit schlussfolgert, dass ein Boykott der Discounter keine Lösung wäre, dann aber doch dafür plädiert, dass die Verbraucher wieder lernen müssen, Dingen einen gewissen Wert beizumessen, sich seiner Macht bewusst zu werden und z.B. ökologisch fair einzukaufen. Letztlich spricht der Autor dem Discountsystem damit eine Art „permanente Daseinsberechtigung” aus, bei dem es nur noch darum geht, die Discounter durch Nachfragen und Fordern fairerer Bedingungen zu reformieren, nicht aber, das System prinzipiell in Frage zu stellen. Das ist m.E. viel zu kurzsichtig, was Kotteder auch selbst kurz darauf feststellt, wenn er davon spricht, dass die Probleme viel grundsätzlicher angegangen werden müssten. In diesen Momenten wirkt das Buch so, als wären die Kapitel in einem Abstand von mehreren Monaten, jedes für sich, entstanden und später nicht noch einmal komplett Korrekturgelesen worden.
Obwohl das zu kurz und zu schwammig geratene Schlusskapitel m.E. etwas unbefriedigt zurückgelassen hat, spricht Kotteder dort doch auch einige sehr wichtige Punkte an, beispielsweise den, dass das Discount-System keine perfide Idee einiger böser Menschen ist, sondern im Rahmen unserer Marktwirtschaft eine Reaktion auf die Wünsche der Käufer darstellt. (Auch wenn man hierzu schon sagen muss, dass damit vieles von dem Fehlverhalten der Konzerne dennoch nicht zu entschuldigen oder zu relativieren ist.)
Sind wir also selber schuld an den ganzen negativen Auswüchsen der Billigschwemme, die unser Land und nicht nur unseres so flächendeckend überzieht? Ja, das sind wir. Zugleich kann uns niemand die Aufgabe abnehmen, eine Richtungsänderung herbeizuführen.
Genau hier sollen und müssen wir ansetzen – ein Bewusstsein für die negative Spirale zu entwickeln, die das Billigsystem auslöst und in deren Strudel wir alle hineingerissen werden, ob wir es wollen oder nicht. Franz Kotteders Buch ist dabei ein wenn auch nicht vollständig gelungener erster Schritt, sich über die Hintergründe der Discounter zu informieren und sein persönliches Einkaufsverhalten zu überdenken.

Ein Schritt in die Richtige Richtung ist wie ich meine:

Das Bundesverwaltungsgericht hat im Dezember 2009 entschieden, dass die Kommunen den Discounter keine Baugenehmigung für den Bau von weiteren Filialen mehr erteilen dürfen, wenn dadurch bestehende Geschäfte mit einem Kaufkraftschwund von mehr als 25% in ihrer Existenz gefärdet werden.

Quellen:
[konsumpf.de]
CCC: Peter Marwitz
[www.zeit.de]
[www.sueddeutsche.de]


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Rickrich

Rickrich

Alter: 47 Jahre,
aus der Hallertau

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