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Richard de Florennes on Tour

Richard de Florennes on Tour (7 Einträge)

Rübenernte Belgien Rübenernte Belgien Rübenernte Belgien
557 mal angesehen
02.11.2010, 13.23 Uhr

Landwirtschaft in Belgien - Zusatzinformationen zum Reisebericht

Zu meinem dreiteiligen Bericht meiner Reise durch Belgien habe ich von "Halerebeck" eine sehr berechtigte Frage erhalten, die ich recht umfangreich beantwortet habe, und die vielleicht auch für andere Leser interessant sind. Außerdem habe ich ganz unten einige Zahlen und Fakten zur Landwirtschaft in Belgien zusammengestellt.

Reisebericht Tag 1 lesen: Klick!
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(Fotos oben von Fr. 29.10.2010; Rübenernte auf einem 20-Hektar-Schlag, bei der gleich zwei 2-phasige Ernteteams eines Lohnunternehmens in der Nähe der Zuckerfabrik Leuze zum Einsatz kamen)

Hier die Frage:
"Hallo. In deinem Blog zur Reise könnte man meinen das in Belgien zur Zuckerrübenernte eigentlich nur schleppergebundene, absetzige Verfahren verwendet werden. Ist dem so? Dachte immer ein Absetziges Verfahren wäre eher etwas für kleine Rübenanbauflächen, aber dem ist ja angesichts der gezeigten Schleppergrößen nicht so?"

Meine Antwort:
Vielen Dank für diese sehr interessante Fragem die ich mir selbst auch immer wieder stelle und auch mit Landwirten und Lohnunternehmen insbesondere in Belgien immer wieder erörtere.
Ich kann diese Frage wie folgt beantworten:

1. Belgien ist in der Tat DAS Land der 2-phasigen Rübenernte, manche nennen dieses System nach dem laut eigenen Angaben führenden Hersteller Gilles (Belgien) auch das "Gilles-System".

2. Ich schätze den Anteil dieses Systems an der Rübenernte auf rund 75 Prozent auf Basis meiner Sichtungen in immerhin den letzten drei Kampagnen. Selbstfahrer, insbesondere von Ropa und Holmer haben in den letzten Jahren etwas Terrain gewinnen können. Ein-, zwei- oder dreireihige Köpfrodebunker, wie sie im Rheinland oft noch zu finden sind, gibt es hier hingegen so gut wie gar nicht mehr. Die Belgier sind bereits in den 80er Jahren direkt von den Einreihern auf damals noch bis zu dreiphasige sechsreihige Systeme (gezogener Köpfer/Krautschläger sechsreihig, dann angebauter Roder, dann Ladebunker) umgestiegen.

3. Schläge variieren zwischen ab rund 3 Hektar im eher kleinflächigen Norden und bis zu rund 20 Hektar im großflächigeren Süden des Landes.

4. Die Argumentation ist - auch wenn sich einige Gegenargumente finden:
- ein Traktor ist in jedem Betrieb - ob Bauerhof oder Lohnunternehmen - vorhanden, so dass man zum Antrieb des Roders keine Spezialmaschine braucht, sondern den Traktor auch als Roder zusätzlich auslasten kann
- Krautschläger und Roder sind natürlich deutlich günstiger als ein Selbstfahrer-Vollernter (das Argument erschließt mir andererseits zugegeben nicht ganz, weil der selbstfahrende Ladebunker von Gilles auch nicht ganz günstig sein soll)
- Flächenleistung sei höher als die eines Selbstfahrers, weil das Rodesystem ständig fahren kann ohne Pausen zum Abbunkern oder gar Zusatzfahrten auf dem Schlag wegen eines vollen Bunkers
- die Maschinen seien insgesamt leichter als selbstfahrende Vollernter und damit weniger bodenschädigend
- höhere Reinigungsleistung durch 3 Siebsterne des Roders, kurze Phase des Abtrocknens der Rüben im Schwad, erneutes Absieben der Rüben durch den Ladebunker mit weiteren Siebsternen
- gerade bei den großen Schlägen bewähre sich das 2-Phasen-System, weil ein selbstfahrender Vollernter gar nicht schaffe, eine Schlaglänge hin und zurück mit einer Bunkerfüllung zu bewältigen. Ein selbstfahrender Ladebunker könne hingegen ohne Unterbrechung des gleichzeitig stattfindenden Rodevorgangs hin und her fahren und das bei einigen Tonnen weniger Gewicht als ein Vollernter.

5. Dem Gegenargument der Gegener dieses System, die die schmalen Reifen als "Trennscheiben" verunglimpfen (Bodendruck, Rüben würden zerdrückt), kann ich auf Basis eigener Beobachtungen entgegenhalten, das dieses System fast ausschließlich an Tagen mit relativ trockenen Bodenbedingungen (für Herbst) zum Einsatz kommt (diese höhere Abhängigkeit vom Wetter geben die Nutzer alle zu, bei eher nassem Wetter stößt das System auf jeden Fall an seine Grenzen), die Bodenverdichtung erscheint mir bei rein manueller "Messung" subjektiv ingesamt geringer als die von selbstfahrenden Vollerntern; von den Reifen zerdrückte, weggedrückte Rüben habe ich außer bei komplizierten Wendemanövern auf engen Vorgewenden kleiner Schläge kaum beobachtet, hier leisten die großen Selbstfahrer wohl deutlich mehr Schaden.

Wie dem auch sei - die Belgier sind von dem System sehr überzeugt und (natürlich kein Argument für Landwirte) fotografisch macht dieses System auch mehr Spaß als ein einsamer Selbstfahrer auf weiter Flur

Achja, noch eine Besonderheit: Lademäuse gibt es in Belgien fast gar nicht, Reinigungsladebänder selten, meistens kommen Bagger mit Rübengreifschaufeln zum Einsatz. Aufgrund der günstigen Verteilung der recht vielen, dafür aber kleineren Rübenfabriken in dem kleinen Land sind viele Landwirte nach wie vor Selbstlieferer. Die Tendenz geht aber auch zur Schließung von Fabriken Jahr für Jahr und dem Einsatz von Transportspeditionen.

Zahlen und Fakten zur Landwirtschaft in Belgien
(Stand 1.1.2010)
Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe: 49.500
Landwirtschaftliche Fläche: 1.400.000 Hektar (52% der Fläche in Besitz oder Pacht von Betrieben mit mehr als 50 Hektar)
Fläche Zuckerrüben: 85.500 Hektar (2001 noch 96.600 Hektar)
Fläche Getreide: 322.100 Hektar
Fläche Futterpflanzen: 251.200 Hektar
Zahl Zuckerfabriken bzw. Annahmestellen: 6 bzw. 8, vereinigt unter dem Dach von SUBEL (Sucre de Belgique) und zugehörig zum deutschen Konzern Südzucker
Tägliche Verarbeitungskapazität insgesamt: 72.500 Tonnen

(Quelle: SUBEL und Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften)

Zu diesem Blog gibt es auch ein passendes Fotoalbum mit 101 Fotos!: Klick!
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RicharddeFlorennes

RicharddeFlorennes

Alter: 45 Jahre,
aus Neuss
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