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30.04.2015, 13.14 Uhr

Landwirtschaft im Jahre 2015

Die Agrarwirtschaft produziert die Grundlagen unseres Lebens. Landwirtschaft, Forst- und Fischereiwirtschaft sowie Gartenbau sind weltweit der größte Arbeitgeber und die wichtigste Erwerbsquelle. Mehr als alle anderen Wirtschaftszweige stellt sie Produkte her, die als Lebensmittel unverzichtbar sind. Gleichwohl hat auch sie ihren Beitrag zur Reduzierung von Rohstoff- und Energieverbrauch zu leisten.
Die Agrarwirtschaft verbraucht erhebliche stoffliche und energetische Ressourcen zur Produktion von Lebensmitteln, Futtermitteln und Biomasse (energetische und stoffliche Nutzung). Durch das Pflanzenwachstum produziert sie einen beträchtlichen Teil ihrer benötigten Rohstoffe und Energien jedoch selbst. Gleichwohl müssen zusätzliche externe Betriebsmittel wie Dünger, Pflanzenschutzmittel, Agrardiesel oder Futtermittel eingekauft und in den Produktionsprozess eingebracht werden. Dadurch lassen sich die Erntemengen bis zu einem bestimmten Grad steigern. Doch es gilt nicht: Viel hilft viel! Oft gelingt keine ausgewogene Balance zwischen Ressourcenaufwand und notwendigem agrarischen Produktionsumfang.
Entscheidend zur Bewertung landwirtschaftlicher Kreisläufe muss eine betriebliche Rohstoff- und Energiebilanz werden. Klimapolitisch ist die Agrarwirtschaft zugleich Teil des Problems und der Lösung. Der Landwirtschaft werden weltweit 31 Prozent aller Klimagasemissionen zugerechnet. In Deutschland sind es 13,5 Prozent. Hinzu kommen Emissionen für Transport, Kühlung und Lagerung von circa neun Prozent. Die Landwirtschaft ist somit Verursacher und gleichzeitig Opfer des Klimawandels, zum Beispiel durch Überschwemmungen, Trockenheit oder Schädlingsausbreitung.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich die Agrarwirtschaft enorm entwickelt. Mit der Einführung von Landmaschinen und Agrochemikalien ging ein grundlegender Wandel einher. Die Erträge wurden durch zusätzliche mineralische Dünger gesteigert, Pflanzenkrankheiten oder Schädlinge mit chemisch-synthetischen Mitteln bekämpft und die menschliche Arbeit durch den Einsatz von Maschinen erleichtert oder ersetzt. Durch Verbesserung der Zucht standen leistungsstärkere Nutzpflanzen und Nutztierrassen zur Verfügung. Die höhere Produktivität ging vielerorts mit einem deutlichen Rückgang der biologischen Vielfalt sowie einer erhöhten Belastung der Gewässer und der Umwelt einher. Gleichzeitig werden in Deutschland jährlich 11 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen.
Was zu einer enormen Produktivitätssteigerung führte, sorgte zudem für wachsende Abhängigkeiten von externen Betriebsmitteln. Auch bei den landwirtschaftlichen Betriebsmitteln gibt es einen zu erwartenden Peak (zum Beispiel für Phosphor). Damit sind steigende Preise für den Agrarbetrieb zu erwarten. Von 2000 bis 2010 sind für einheimische Betriebe die Düngemittelkosten um 149 Prozent gestiegen. Für Energie- und Schmierstoffe betrug die Steigerung 55 und für Futtermittel 25 Prozent.
Die Bodenkauf- und Pachtpreise sind auch durch öffentliche Förderung und wegen der Privatisierungspraxis der Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) in Ostdeutschland stark gestiegen. In fünf Jahren um 85 Prozent. Der Boden ist die Produktionsgrundlage der Betriebe. Können die Kauf- und Pachtpreise nicht refinanziert werden, ist das existenzbedrohend.
In den vergangenen zwanzig Jahren ist zwar aufgrund politischer Rahmenbedingungen und Preissteigerungen der Aufwand an Mineraldünger pro Hektar merklich zurück gegangen. Doch immer noch werden jährlich beispielsweise 1,5 Millionen Tonnen mineralischer Stickstoff ausgebracht. Der Stickstoffüberschuss liegt noch immer bei 100 kg / Hektar und damit 20 kg über der Zielmarke.
Neben den Dünge- und Pflanzenschutzmitteln müssen viele Betriebe auch teilweise ihre Futtermittel zukaufen. Von den insgesamt 70 Millionen Tonnen in Deutschland pro Jahr verfütterten Getreideeinheiten stammen nur 58,6 Millionen Tonnen aus einheimischer Produktion. Der Rest muss importiert werden. Dabei handelt es sich vor allem um eiweißhaltige Pflanzen, die in Südamerika angebaut werden (beispielsweise Soja) und dort direkt oder indirekt zu Waldrodung beziehungsweise massivem Ausbau von Monokulturen, Gentech-Anbau und Vertreibung der regionalen Bevölkerung führen.
Weltweit benötigen sieben Milliarden Menschen Zugang zu sauberem Wasser und gesunder Ernährung. Die Zahl der hungernden und mangelernährten Menschen ist dramatisch. Fast eine Milliarde Menschen haben nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) nicht genug zu essen. Zwei Milliarden sind fehlernährt. Gleichzeitig produziert die weltweite Landwirtschaft mehr Lebensmittel als je zuvor. Ein Drittel mehr Kalorien werden erzeugt als zur ausreichenden Versorgung rechnerisch nötig wären. Somit ist Hunger in erster Linie kein Produktions-, sondern ein Verteilungsproblem. Ein stetig wachsender Teil der weltweiten Produktion dient nicht der menschlichen Ernährung, sondern wird als Tierfutter, Industrierohstoff oder Agrotreibstoff genutzt. Nur 47 Prozent der weltweiten Getreideproduktion landen auf dem Teller.
Damit ist das Problem der Agrarwirtschaft nicht nur eines von knapper werdenden Betriebsmitteln, sondern auch von weltweiten Verteilungsfragen. Was für den landwirtschaftlichen Betrieb zunehmende finanzielle und damit existenzielle Schwierigkeiten bedeutet, kann aus ökologischer Sicht noch viel erheblichere Folgen haben. 60 Prozent der weltweiten Landoberfläche wird land- oder forstwirtschaftlich genutzt. Die Agrarwirtschaft hat somit eine hohe Verantwortung für den Erhalt unserer Ökosysteme.
Durch den Abbau von Mineralien zur Düngerproduktion kommt es zur Landschaftszerstörung und Umweltverschmutzung. Die biologische Vielfalt auf und neben dem Acker sinkt durch die Wirkungen der modernen Landbewirtschaftung. Der Verbrauch von fossilem Agrardiesel wird steuerlich begünstigt. Der Import von Futtermitteln ist verbunden mit unnötig hohem Energieverbrauch. Die EU beansprucht durch den Lebens- und Ernährungsstil ihrer Bürgerinnen und Bürgern enorme Flächen in den Ländern des Südens. Diese indirekte Landnahme hat direkte lokale Auswirkungen: Wo Exportpflanzen für den Weltmarkt, für die reichen Länder des Nordens wachsen, können keine Nahrungsmittel zur Versorgung der lokalen Bevölkerung angebaut werden. Außerdem führt deren Anbau zu Wasserverknappung. Wo die EU Ackerflächen zur Ernährung ihrer Tiere in Übersee blockiert, kann kein Regenwald mehr wachsen. So werden virtuell Wasser und Land exportiert. Am Export von Agrarrohstoffen verdienen in den Ländern des Südens meist nur die wirtschaftlichen und politischen Eliten. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern bleiben auf der Strecke.
Fast alle Agrarbetriebe sind auf den Zukauf externer Betriebsmittel angewiesen. Selbst im Ökolandbau ist das so. Dies schränkt sie wirtschaftlich ein und macht sie gegenüber den Schwankungen des Weltmarktes empfindlich. Das ist wegen des zu erwartenden „Peak Everything“ nicht zukunftsfähig. Ein „Peak Phosphor“ wird bereits in 20 bis 50 Jahren erwartet. Der sozial-ökologische Umbau muss die Agrarbetriebe dabei unterstützen, Abhängigkeiten zu reduzieren, Betriebskreisläufe zu schließen und nachhaltig zu wirtschaften.
Verbraucherinnen und Verbraucher haben zu wenige Informationen über die sozialen und ökologischen Produktions-, Verarbeitungs- und Handelsbedingungen ihrer Lebensmittel. Dadurch haben sie nur geringe Möglichkeiten, mit dem Einkaufswagen auf die ökologischen und sozialen Bedingungen Einfluss zu nehmen. Täuschende Werbung gaukelt ihnen Herstellungsbedingungen und Inhalte von Lebensmitteln vor, die nicht der Realität entsprechen. Dadurch wird es ihnen schwer gemacht, den Wert von Lebensmitteln und ihre Erzeugung zu erkennen und dementsprechend zu schätzen.

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