Zur mobilen Version wechseln »
NachrichtenThemenMediathekCommunityWetterMärkte & PreiseShopBranchenbuchagrarheute.comlandlive.de
Erweiterte Suche »
UploadChatForenFotosFotoalbenVideosBlogsTermineMitgliederGruppenPartnersuche

Seltene Nutztierrassen

(18 Einträge)

Murnau-Werdenfelser Jungrind Murnau-Werdenfelser Kuh Fleisch eines Ochsen
421 mal angesehen
07.02.2016, 19.24 Uhr

Murnau-Werdenfelser Mutterkuhhaltung

Dass man bei der Rassenwahl für die Mutterkuhhaltung nicht nur auf die weit verbreiteten Rassen setzen muss, zeigt diese Betriebsreportage. Hier wird die seltene Rasse Murnau-Werdenfelser als Mutterkuh eingesetzt – und es soll etwas für die Erhaltung der Rasse getan werden.

Einsteiger in der Mutterkuhhaltung stammen oft aus der Milchkuhhaltung und verwenden vielfach ihre ehemaligen Milchkühe weiter. Komplette Neueinsteiger denken bei der Rassenwahl meist an die bedeutenden Rassen Angus, Simmentaler (Fleckvieh), Limousin oder Charolais, zumal hier auch gute Zuchttiere relativ einfach zu bekommen sind. Bei wenig verbreiteten Rassen ist das oft schwieriger und bei manchen Rassen, wie den Murnau-Werdenfelser, kommt man zuerst gar nicht auf den Gedanken, dass diese Rasse auch für die Mutterkuhhaltung gut geeignet sein könnte.
Die Familie Kaiser aus der Nähe von Herrieden in Mittelfranken hat diesen Neueinstieg in die Mutterkuhhaltung gewagt und wollte von Anfang an die Rasse Murnau-Werdenfelser hierzu verwenden. Betriebsleiter ist heute der 28jährige Dominik Kaiser, ein gelernter Landwirt, der im Hauptberuf in einem landwirtschaftlichen Lohnunternehmen arbeitet. Unterstützt wird er sowohl von seinen Eltern Ulrich und Andrea als auch von seinen beiden Schwestern mit Partnern, die alle im selben Ort wohnen. Gerade den Eltern war die Landwirtschaft nicht in die Wiege gelegt, sie stammen aus dem Schwäbischen und haben sich in den 1990 Jahren in Mittelfranken niedergelassen. Bewusst auf eine ländlichen Gegend, um auch als Selbstversorger den Kindern ein unbeschwertes Aufwachsen zu ermöglichen. So hielten die Eltern Kleintiere, teilweise Schafe und Ziegen, was bei den Kindern das Interesse an der Tierhaltung weckte. So machte der heutige Betriebsleiter eine landwirtschaftliche Ausbildung, obwohl damals kein landwirtschaftlicher Betrieb vorhanden war.
Doch bereits 2005 sah man die Möglichkeit, Rinder zu halten und man wollte dies auch mit der Rasse Murnau-Werdenfelser umsetzen. Doch zwei Jahre lang suchte man vergeblich nach weiblichen Tieren, die auch preislich verkraftbar waren. Da dies erfolglos war, begann man 2007 mit einem ersten Kalb der Rasse Gelbvieh. Erst um 2009 kam der Kontakt mit der staatlich als Genreserve geführten Mutterkuhherde der Murnau-Werdenfelser in Schwaiganger zustande. Dort konnte man im selben Jahr einen ersten Bullen und eine Kuh erwerben und später nochmals zwei weitere weibliche Tiere der Rasse. Damit konnte die Zucht richtig beginnen. Das Gelbviehkalb war ebenfalls zu einer Kuh herangewachsen und wurde seither jeweils mit dem Murnau-Werdenfelser Bullen gedeckt.
So konnte sich der Nebenerwerbsbetrieb in den letzten Jahren langsam entwickeln. Anfänglich wurde man von den Nachbarn in seinen landwirtschaftlichen Ambitionen auch nicht ganz ernst genommen und belächelt. Heute umfasst der Betrieb aber 7 ha, wovon 2 ha Ackerland sind. Die Flächen sind teilweise feucht, hängig und kleiner parzelliert, manche sind unter einem Vertragsnaturschutzprogramm und dürfen nur beweidet werden. Ein weiteres Wachstum ist angedacht, aber wegen der Flächenkonkurrenz schwierig. Der Landkreis Ansbach ist z. B. einer der Landkreise mit der höchsten Biogasbetriebsdichte in Bayern. Andererseits gibt es immer wieder einzelne Flächen, die dem Betriebsleiter zur Nutzung angeboten werden. Der Betrieb wirtschaftet im Wesentlichen biologisch, ist jedoch keinem Verband bzw. Kontrolle nach EU-Bio-Verordnung angeschlossen. Dies erleichtert zur Zeit auch die Hereinnahme weiterer Flächen in die Bewirtschaftung. Momentan umfasst der Betrieb 4 Mutterkühe der Rasse Murnau-Werdenfelser und eine Gelbviehkuh. Weiterhin gibt es 5 Tiere reinrassige weibliche Nachzucht, da die Kreuzungsnachkommen der Gelbviehkuh stets anders verwertet, z. B. geschlachtet, wurden. Normalerweise hat man Deckbullen gehalten, aber der letzte wurde 2014 geschlachtet und man setzt in der nächsten Zeit auf künstliche Besamung, um dann wieder einen Deckbullen einzusetzen, doch dazu später mehr. Neben Rindern werden von der Familie auch ein paar Pferde gehalten und gezüchtet (Araber), ebenso Geflügel, wie Sussex-Hühner und ein Paar Bayerische Landgänse, ebenfalls eine gefährdete Rasse. Außerdem werden seit 2010 mit den Alpinen Steinschafen noch eine weitere gefährdete Rasse gehalten, um die sich hauptsächlich eine der Töchter kümmert. Zur Zeit hat man etwa 20 Muttern der Rasse, dazu einen zugekauften Altbock und ein selbst gezogener Jungbock aus einer anderen Linie. Auch diese Rasse wird im Herdbuch gehalten und man engagiert ich in der ARGE Alpine Steinschafe.
Die Murnau-Werdenfelser stammen aus dem Voralpengebiet, aus der Gegend um Murnau und im Werdenfelser Land (Garmisch-Partenkirchen). Das Zuchtgebiet erstreckte sich im 19. Jahrhundert bis nach Starnberg, kurz vor München. Die Rasse wurde jedoch stark verdrängt, u. a. weil sie als sehr eigenwillig und temperamentvoll gelten, und 1975 wurden erste Generhaltungsmassnahmen durch die Bayerische Regierung eingeleitet. Seither stabilisiert sich die Rasse in der Milchkuhhaltung und hat Eingang in die Mutterkuhhaltung gefunden. Momentan gibt es ca. 130 Herdbuchkühe in der Milchleistung und etwa 110 Herdbuch-Mutterkühe, weitgehend im Ursprungszuchtgebiet. Die Rasse ist wegen seiner Herkunft um das Murnauer Moos (= Moorgebiet) an feuchte Weiden angepasst. Die Tiere haben unterschiedliche Färbung von strohgelb bis rotbraun, Bullen sind meist dunkler gezeichnet. Auffällig ist die Kopffärbung mit dunklen Augen. Diese Farbzeichnung macht die Rasse auch optisch attraktiv. Sie sind mittel- bis großrahmig, mit maximalen Kreuzhöhen ausgewachsener Kühe knapp unter 140 cm.
Die für Rinder eher ungewöhnliche Anpassung an Feuchtgebiete als Weide war auch für die Familie Kaiser einer der ausschlaggebenden Punkte, auf diese Rasse zu setzen. Denn auch in der Umgebung gibt es viele feuchte Wiesen, die man gut durch Beweidung nutzen kann. Außerdem wollte man eine robuste Rasse, die auch an karge Bedingungen und nahezu reine Grundfutterfütterung angepasst ist.
So bekommen die Rinder heute auch hauptsächlich Grundfutter, Kraftfutter wird nur als Lockfutter eingesetzt, um bei Untersuchungen oder Behandlungen die Tiere leichter fixieren zu können. Im Sommer heißt das Weidegang oder Grünfütterung im Stall (mit Auslauf), falls die Futterfläche für den Weidegang ungünstig ist, im Winter erhalten die Tiere Heu und Heulage. Mineralfutter und Salz wird ebenfalls zugefüttert. Für die Kälber steht ein Kälberschlupf zur Verfügung, der aber nur mit Heu gefüllt ist. Die Kalbungen finden aktuell über das Jahr verteilt statt, da es schwierig ist, die Jungtiere in einen festen Abkalbefenster aufzunehmen und die zugekauften Tiere während des Betriebsaufbaues verteilt gekalbt haben. Man plant aber zukünftig auf Blockabkalbung umzustellen, um eine vereinfachte Arbeitsweise zu haben. Betriebliches Zuchtziel sind robuste, ausreichend genügsame Rinder, die weitgehend mit dem Grundfutter zurecht kommen und dabei eine gute Fleischqualität bei ausreichenden Zunahmen erreichen.
Die Kaisers enthornen die Rinder nicht, so dass alle Tiere noch ihre Hörner haben. Da das Enthornen keine angenehme Arbeit ist, verzichtet man gerne darauf und man ist der Ansicht, wenn man hornlose Rinder haben will, dann sollte man von Anfang an auf hornlose Rassen setzen. Die Einkreuzung anderer hornloser Rassen in die Murnau-Werdenfelser kommt bei ihnen auch nicht in Frage. Deshalb ist das Haltungssystem an gehörnte Rinder angepasst, z. B. das Fressgitter und auch das eigene Verhalten gegenüber den Rindern muss deren Hörner berücksichtigen. Um möglichst wenige Probleme mit den Tieren zu haben setzt man auf Familienanschluss und züchtet bewusst ruhige, gelassene Tiere.
Die Leistungen der Tiere können sich ebenfalls sehen lassen: mit 1000 bis 1150 g Zunahmen der reinrassigen weiblichen Absetzer kann man durchaus mit anderen, ähnlich rahmigen Rassen mithalten. Auch die Kreuzungskälber der Gelbviehkuh konnten keine höheren Zunahmen zeigen bzw. durch höheres Schlachtgewicht glänzen.
Da bisher die weitere Vergrößerung des reinrassigen Tierbestandes in Vordergrund stand und auch der Zuchttierabsatz relativ leicht war und viele weibliche Kälber gefallen sind, wurden bisher nur sehr wenige Tiere geschlachtet. Durch die große Familie war es ein leichtes, diese Tiere auch selbst zu verwerten, was dem ursprünglichen Grundgedanken eines Selbstversorgers sehr nahe kommt. Für die Zukunft hat man jedoch zusätzliche eine externe Vermarktung der Tiere angedacht. Hierfür steht in ca. 15 km Entfernung bei einem bekannten Metzger ein Schlachthaus zur Verfügung, so dass auch das gewonnene Fleisch allen Hygienebestimmungen entspricht.
Geplant ist der weitere Aufbau einer „Genuß-Arche“ durch die Schwester des Betriebsleiters. Diese ist gelernte Konditorin und hat 2014 den „Bayerischen Wirtebrief“ erhalten. Dort werden dann neben Konditorwaren, Brot und anderen selbstgemachten Produkten selbst erzeugte Karpfen aus eigenen Weihern und das Rindfleisch vermarktet. Hierzu will man insbesondere Baby-Beef, also Absetzer mit 9 bis 10 Monaten, verwenden, weil dies neben einem hervorragenden Fleisch auch am besten in den momentanen Betriebsablauf zu integrieren ist. Bei Bedarf werden noch weitere nachgefragte Produkte von anderen Betrieben zugekauft und vermarktet. Im Vorfeld hat man bereits andere gefährdete Pflanzenarten angepflanzt.
Geschlachtet werden sollen nur nicht zur Zucht geeignete Tiere, weil man sich der Zucht stark verschrieben hat. So ist man neben dem Fleischrinderverband Bayern auch dem Rinderzuchtverband in Weilheim, im Ursprungszuchtgebiet der Rasse, angeschlossen. Im Ursprungszuchtgebiet der Murnau-Werdenfelser wurden in den 1980/1990 Jahren und dann wieder ab 2005 Bullen der Rasse Tarentaise eingekreuzt. Ursache waren die große Inzucht innerhalb der Population und die Hoffnung, dadurch eine Milchleistungssteigerung zu erzielen. Die Familie Kaiser versucht, möglichst keine Tiere mit Tarentaise-Genetik einzusetzen und hat dies bisher geschafft. Trotz hoher Inzucht auch der vorhandenen Tiere war bisher keine Inzuchtdepression im Bestand, z. B. verminderte Vitalität, erkennbar gewesen. Da man den alten Deckbullen abgeben musste und bisher keinen passenden Deckbullen gefunden hat, setzt man momentan auf die künstliche Besamung. Hierzu verwendet man insbesondere die Bullen „Rakete“ und „Rögaz“. In Bewustsein der Inzuchtproblematik und der Erhaltung der originalen Murnau-Werdenfelser-Genetik hat man sich mit zwei anderen Mutterkuhbetrieben in Niederbayern zusammengeschlossen, um mit Bullen aus der Genreserve Deckbullen und wenn möglich auch Besamungsbullen zu erzeugen. Für dieses Projekt wurden 2014 aus der bayerischen Genreserve einige Portionen der Bullen „Römi“ und „Zeppelin“ freigegeben, die nun ganz gezielt an die besten und passendsten Kühe in den drei Betrieben angepaart wurden. Erste männliche Kälber sind bereits gefallen. Man erhofft sich zumindest einen Sohn der beiden Bullen, der den Qualitätsanforderungen entspricht, auch in die staatliche Genreserve aufgenommen zu werden. Wenn möglich, soll auch ein Deckbulle aus diesem Projekt im Betrieb Kaiser eingesetzt werden. Damit will man, obwohl man nur ein kleiner Betrieb ist, Impulse für die Zucht und Erhaltung der Rasse setzen.
Das Beispiel der Familie Kaiser zeigt, dass man mit Motivation und Durchhaltevermögen auch mit einer relativ wenig in der Mutterkuhhaltung verwendeten Rasse gute Möglichkeiten der Betriebsentwicklung haben kann.
offline

Geschrieben von

Anzeige

Schlagwörter

Bitte gib die Schlagwörter mit Komma getrennt ein.

Kommentare

Anzeige
Zum Seitenanfang